Zahlen zum Thema Toxoplasmose verwirren leicht: Fast jeder zweite Erwachsene trägt Antikörper, aber kaum jemand kennt jemanden mit Toxoplasmose. Beides ist richtig. Diese Seite erklärt, wie das zusammenpasst.
Antikörper sind keine Krankheit: Die DEGS1-Zahlen im Detail
Die belastbarste deutsche Zahl stammt aus der repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1): 6.564 Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren wurden untersucht, 49,1 Prozent trugen IgG-Antikörper [wil]. Dahinter steckt ein gleichmäßiger Infektionsdruck über das gesamte Leben, sichtbar an einem nahezu linearen Anstieg von 20 Prozent bei jungen Erwachsenen bis zu fast 77 Prozent bei den über Siebzigjährigen.
| Altersgruppe | Seroprävalenz | Konfidenzintervall |
|---|---|---|
| 18–29 Jahre | 20,0 % | 17,1–23,1 % |
| 30–39 Jahre | 35,5 % | 31,0–40,2 % |
| 40–49 Jahre | 48,1 % | 44,6–51,6 % |
| 50–59 Jahre | 58,0 % | 54,3–61,6 % |
| 60–69 Jahre | 69,5 % | 65,1–73,5 % |
| 70–79 Jahre | 76,8 % | 72,7–80,5 % |
Geschätzte Zahlen für Schwangerschaften
Wie viele Erstinfektionen während der Schwangerschaft stattfinden, lässt sich nicht direkt zählen. Eine am RKI entstandene Modellierung schätzte rund 6.400 Erstinfektionen pro Jahr und darunter etwa 345 Kinder mit Symptomen bei Geburt [wil]. Solche Hochrechnungen hängen von Annahmen ab und sollten als Größenordnung, nicht als exakte Messung verstanden werden.
| Kennzahl | Größenordnung | Charakter |
|---|---|---|
| Seroprävalenz Erwachsene | rund 50 % | Gemessen in Studienkohorten [rki] |
| Erstinfektionen in der Schwangerschaft | ca. 6.400 pro Jahr | Modellschätzung [wil] |
| Symptomatische Neugeborene | ca. 345 pro Jahr | Modellschätzung [wil] |
| Gemeldete Fälle (IfSG) | wenige Dutzend pro Jahr | Meldestatistik, ab Januar 2024 [ifs] |
Warum so wenige Fälle gemeldet werden
Gesetzestext IfSG § 7 (BMJ) Seit Januar 2024 gilt nach § 7 Absatz 3 IfSG eine Labormeldepflicht für Toxoplasma-gondii-Nachweise, aber mit einer wichtigen Einschränkung: nur bei Hinweis auf eine konnatale Infektion, also wenn ein Neugeborenes betroffen ist [ifs]. Labore melden dann nichtnamentlich direkt ans RKI, inklusive grober regionaler Zuordnung. Vor dieser Regelung wurden bundesweit nur 6 bis 38 Fälle pro Jahr erfasst.
Zum europäischen Vergleich: Die ECDC meldete für 2021 insgesamt 150 bestätigte konnatale Fälle in der gesamten EU, davon allein 78 Prozent aus Frankreich. Frankreich hat das intensivste Screeningprogramm Europas und findet deshalb auch die meisten Fälle; 14 andere Länder meldeten null, was eher fehlende Diagnostik als fehlende Infektionen bedeutet. Diese Diskrepanz illustriert das Kernproblem jeder Toxoplasmose-Surveillance: Ohne aktives Suchen findet man fast nichts, unabhängig von der tatsächlichen Lage [ecd].
Internationale Einordnung
Deutschland liegt mit seiner Seroprävalenz im europäischen Mittelfeld, deutlich unter Ländern wie Frankreich oder Brasilien, höher etwa als Nordeuropa. Die WHO zählt Toxoplasma gondii weltweit zu den bedeutendsten Ursachen lebensmittelbedingter Erkrankung [who], gemessen an der Krankheitslast, nicht an der Fallzahl.
Quellen
Grundlage sind der RKI-Ratgeber, die Eurosurveillance-Publikation zur angeborenen Toxoplasmose in Deutschland (2016), die IfSG-Meldestatistik und die WHO-Krankheitslastabschätzung für lebensmittelbedingte Parasitosen. Alle Zahlen sind Größenordnungen mit genannten Unsicherheiten, keine exakten Messungen.
